Gestern war einer dieser Tage.
Auf dem Rückweg vom Schwimmen merkte ich wie die Stimmung eines Mädchens aus meiner Gruppe langsam aber sicher kippte. Nichts Großes. Nichts Eindeutiges. Einfach diese leise Veränderung die man spürt wenn man Kinder kennt. Ein bisschen stiller. Ein bisschen gereizter. Ein bisschen weniger sie selbst.
Und dann, zurück in der Kita, brachen alle Dämme.
Sie schlug um sich. Gegen Kinder, gegen Fachkräfte. Ich brachte sie weg von der Gruppe, zum Schutz aller, und dann ließ ich sie wüten. Stühle flogen. Sie schrie. Und ich saß dabei.
Kein Schimpfen. Keine Belehrung. Kein „Beruhig dich jetzt.“
Ich saß einfach da.
Was ich dabei dachte? Ehrlich gesagt: Zu viel. Zu laut. Zu anstrengend. Ich musste selbst tief durchatmen bevor ich ruhig bleiben konnte. Dieser Moment wird in Fachbüchern oft übergangen, dass Präsenz nicht bedeutet unberührt zu sein. Sondern dass man sich selbst reguliert um dann für das Kind da zu sein.
Nach gut zwanzig Minuten war der Sturm vorbei. Sie lag einfach nur noch unter dem Tisch.
Ich fragte ob sie eine Umarmung haben wolle.
Sie kam sofort. Klammerte sich fest. Und sagte den restlichen Tag immer wieder denselben Satz.
„Bitte geh nicht weg.“
Was war da eigentlich passiert?
Für Außenstehende sah es aus wie ein Wutanfall aus dem Nichts. Aber es war nicht aus dem Nichts. Es war das Ergebnis von Stunden.
Bessel van der Kolk beschreibt in seiner Arbeit wie das Nervensystem Stress akkumuliert, wie sich kleine Belastungen über Zeit aufschichten bis das System keinen Spielraum mehr hat. Das Chlor das an der Haut kratzt. Der Lärm im Schwimmbad. Die Umkleide die chaotisch war. Der Bus der zu voll war. Jedes für sich bedeutungslos. Zusammen eine Last die irgendwann zu schwer wird.
Was wir von außen als Überreaktion auf eine Kleinigkeit erleben ist in Wirklichkeit eine völlig verhältnismäßige Reaktion auf sehr vieles. Der Auslöser und der Grund sind fast nie dasselbe.
Ross W. Greene würde sagen dass dieses Mädchen in diesem Moment schlicht nicht konnte. Nicht weil sie böse war. Nicht weil sie keine Regeln kannte. Weil ihr Nervensystem am Limit war und ihr die Werkzeuge fehlten um damit umzugehen.
Daniel Siegel und Tina Payne Bryson würden ergänzen: In dem Moment wo jemand um sich schlägt und schreit ist das obere Stockwerk des Gehirns offline. Kein Gespräch, keine Konsequenz und keine Erklärung hätte in diesem Moment etwas bewirkt.
Was half war das Einzige was in diesem Zustand hilft. Präsenz. Ohne Druck. Ohne Erwartung.
Warum Dabeibleiben so schwer ist
Das klingt einfacher als es ist.
Als die Stühle flogen war mein erster Impuls nicht pädagogische Gelassenheit. Mein erster Impuls war genau das was die meisten fühlen würden. Überwältigung. Zu viel, zu laut, zu anstrengend.
Bo Hejlskov Elvén beschreibt in seiner Arbeit zur Deeskalation dass wir als Erwachsene unser eigenes Erregungsniveau aktiv regulieren müssen bevor wir für ein eskalierendes Kind da sein können. Co-Regulation funktioniert nicht wenn wir selbst im Alarmzustand sind. Das tiefe Durchatmen war also kein Zeichen von Schwäche. Es war der erste und wichtigste Schritt.
Dabeibleiben bedeutet nicht unberührt zu sein. Es bedeutet sich selbst zu regulieren um dann regulierend wirken zu können.
Was „Bitte geh nicht weg“ bedeutet
Der Satz hat mich nicht losgelassen.
Hinter den zwanzig Minuten Chaos steckte ein Kind das Angst hatte. Nicht Bosheit, nicht Trotz, nicht schlechte Erziehung. Angst. Und ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.
Karl Heinz Brisch beschreibt in seiner Arbeit zu Bindungsstörungen wie Kinder die Bindungssicherheit vermissen manchmal scheinbar alles tun um Erwachsene auf Abstand zu halten, und dabei im Innersten genau das Gegenteil brauchen. Nähe. Verlässlichkeit. Den Beweis dass jemand bleibt auch wenn es schwierig wird.
„Bitte geh nicht weg“ war kein Satz nach einem Wutanfall. Es war der eigentliche Satz hinter allem was davor passiert war. Das Rasen, die Schläge, die umgeworfenen Stühle. Das war derselbe Satz. Nur ohne Worte.
Was das für die Praxis bedeutet
Für Fachkräfte bedeutet das: Dabeibleiben ist eine pädagogische Entscheidung. Keine passive. Eine aktive. Die vielleicht schwerste die wir in solchen Momenten treffen.
Für Eltern bedeutet das: Wenn euer Kind ausrastet und ihr am liebsten weggehen würdet, ihr seid nicht allein mit diesem Impuls. Und trotzdem ist Bleiben das Wirksamste was ihr tun könnt. Nicht Reden. Nicht Erklären. Einfach da sein.
Kein böses Kind. Kein Versagen der Erwachsenen. Ein Nervensystem das seinen Spielraum verloren hatte und jemanden brauchte der ruhig bleibt bis es wiederkommt.
Und wenn der Sturm vorbei ist kommt das Kind unter dem Tisch raus.
Immer.
Quellen
Bowlby, J. (2008): Bindung als sichere Basis. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Brisch, K. H. (2019): Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Elvén, B. H. (2015): Herausforderndes Verhalten vermeiden. Tübingen: dgvt Verlag.
Greene, R. W. (2019): Verloren in der Schule: Wie wir herausfordernden Kindern helfen können. Göttingen: Hogrefe.
Jungmann, T. & Reichenbach, C. (2013): Bindungstheorie und pädagogisches Handeln. Mülheim an der Ruhr: Borgmann Media.
Petermann, F. & Wiedebusch, S. (2016): Emotionale Kompetenz bei Kindern (3., überarbeitete Auflage). Göttingen: Hogrefe.
Siegel, D. J. & Bryson, T. P. (2023): Disziplin ohne Drama. Freiburg im Breisgau: Arbor Verlag.

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