Herausforderndes Verhalten – Ein Perspektivwechsel

Stell dir vor du betrittst morgens die Kita. Die ersten Kinder schreien bereits rum. Bereits an der Stimme hörst du welches Kind heute wieder „herausfordernd“ sein wird. Du kennst dieses Kind. Du kennst diesen Ton. Und bevor du überhaupt die Tür aufgemacht hast spürst du wie sich dein Körper anspannt.

Ich glaube das kennen die meisten die mit Kindern arbeiten. Und viele Eltern kennen es genauso gut. Dieses Gefühl wenn man weiß heute wird es wieder anstrengend.

Das ist menschlich. Und ich verurteile es nicht.

Aber genau aus diesem Gefühl heraus ist eine Frage entstanden die mich seitdem nicht mehr loslässt. Herausforderndes Verhalten – wen fordert das eigentlich heraus?

Wer wird hier eigentlich herausgefordert?

Der Begriff klingt erstmal neutral. Herausforderndes Verhalten. Als würde er einfach beschreiben was ein Kind tut. Aber je länger ich darüber nachdenke desto mehr merke ich dass in diesem Begriff bereits eine ganze Haltung steckt. Nämlich unsere.

Denn herausfordernd ist ein Verhalten immer nur für jemanden. Ein Kind das laut singt während alle anderen still sitzen ist für die Fachkraft herausfordernd. Für das Kind selbst ist es einfach Freude die raus muss. Ein Kind das schlägt wenn es überfordert ist fordert die Erwachsenen um es herum heraus. Für das Kind selbst ist es in diesem Moment der einzige Weg den es kennt.

Das bedeutet nicht dass das Verhalten okay ist. Es bedeutet dass die eigentliche Herausforderung nicht im Kind liegt. Sie liegt in der Begegnung zwischen dem was das Kind tut und dem was das in uns auslöst.

Und das ist ein riesiger Unterschied.

Kinder tun gut wenn sie können

Der Psychologe Ross W. Greene hat einen Gedanken formuliert der mein pädagogisches Denken wirklich auf den Kopf gestellt hat. Er beschreibt dass Kinder sich dann gut verhalten wenn sie die dafür nötigen Fähigkeiten haben. Nicht wenn der Druck groß genug ist. Nicht wenn die Konsequenz hart genug ist. Wenn sie es können.

Herausforderndes Verhalten entsteht nach Greene dort wo die Anforderungen einer Situation die Fähigkeiten eines Kindes übersteigen. Nicht Böswilligkeit steckt dahinter. Sondern das Fehlen von Werkzeugen. Impulskontrolle, eine Sprache für Gefühle, Problemlösefähigkeiten. Dinge die man lernen muss und die manche Kinder noch nicht oder noch nicht ausreichend haben.

Wenn ich das wirklich verinnerliche verändert sich die Frage die ich stelle. Nicht mehr: Wie stoppe ich dieses Verhalten? Sondern: Was braucht dieses Kind um es anders machen zu können?

Und dann kommt noch eine zweite Frage. Eine unbequemere. Was löst dieses Verhalten in mir aus? Und warum?

Was in unserem Gehirn passiert

Daniel Siegel und Tina Payne Bryson beschreiben in ihrer Arbeit sehr anschaulich was passiert wenn ein Kind eskaliert. Der Teil des Gehirns der für Empathie, Logik und Impulskontrolle zuständig ist ist in diesem Moment schlicht offline. Das Kind befindet sich im reinen Überlebensmodus. Kein Gespräch, keine Erklärung und keine Konsequenz wird in diesem Zustand etwas bewirken.Was das Kind in diesem Moment braucht ist jemanden der selbst reguliert bleibt. Jemanden dessen Ruhe sich überträgt.Und genau hier kommt Co-Regulation ins Spiel.

Co-Regulation bedeutet dass wir als Erwachsene die Regulationsarbeit übernehmen die das Kind noch nicht selbst leisten kann. Kinder regulieren sich nicht alleine. Sie regulieren sich über uns. Über unsere Ruhe, unsere Stimme, unsere Körperhaltung. Das ist keine Theorie sondern etwas das ich täglich in der Kita erlebe. Ein Kind das tobt und dessen Bezugsperson ruhig und präsent bleibt beruhigt sich schneller als eines dessen Bezugsperson selbst in den Alarmzustand gerät.

Aber Co-Regulation funktioniert nur wenn wir selbst reguliert sind. Und das sind wir nicht immer. Auch unsere Überforderung ist real. Auch unser Nervensystem feuert manchmal zuerst. Der Unterschied zwischen uns und dem Kind ist nicht dass wir keine Gefühle haben. Sondern dass wir bereits einen ganzen Werkzeugkoffer zur Regulation besitzen. Wir kennen unsere Auslöser. Wir können einen Schritt zurücktreten. Wir können den Raum verlassen, tief durchatmen und dann wiederkommen.Das ist keine Niederlage. Das ist professionelle Selbstregulation.

Co-Regulation bedeutet eben nicht dass wir in jeder Sekunde die perfekte ruhige Fachkraft sein müssen. Es bedeutet dass wir die Verantwortung übernehmen uns selbst zu regulieren bevor wir versuchen das Kind zu regulieren. Manchmal passiert das in der Situation. Manchmal passiert es davor. Und manchmal bedeutet es den Raum zu verlassen, dreimal tief zu atmen und dann neu anzufangen.

Siegel und Bryson machen dabei deutlich dass echte Verbindung immer vor jeder Korrektur kommen muss. Erst regulieren. Dann verbinden. Dann begleiten.

Die eigene Haltung ist der Schlüssel

Bo Hejlskov Elvén beschreibt in seinem Ansatz zur Deeskalation dass herausforderndes Verhalten fast immer in Situationen entsteht in denen ein Kind überfordert ist. Und dass wir als Erwachsene enormen Einfluss darauf haben wie viel Überforderung ein Kind erlebt. Unsere Körpersprache, unsere Stimme, unser eigenes Stresslevel. All das überträgt sich direkt auf das Kind. Wer angespannt in eine schwierige Situation geht erhöht die Chance auf Eskalation. Wer ruhig bleibt kann sie oft verhindern.

Unser Erleben von herausforderndem Verhalten ist niemals neutral. Es wird gefärbt durch eigene Erfahrungen und eigene Prägungen. Ein Kind das laut und aggressiv ist triggert bei einem Erzieher Angst, beim anderen Ärger, beim dritten vielleicht sogar Verständnis. Dieselbe Situation, drei verschiedene innere Reaktionen, drei verschiedene Antworten.

Deshalb beginnt der Perspektivwechsel nicht beim Kind. Er beginnt bei uns.

Was sich dadurch verändert

Für Fachkräfte heißt das nicht dass alles erlaubt ist oder dass Grenzen verschwinden. Grenzen bleiben wichtig. Strukturen bleiben wichtig. Aber der Ausgangspunkt verändert sich.

Nicht mehr: Dieses Kind muss sein Verhalten ändern. Sondern: Was braucht dieses Kind und was brauche ich selbst damit diese Situation anders verlaufen kann?

Nicht mehr: Das Kind ist schwierig. Sondern: Diese Situation ist herausfordernd. Für uns beide.

Für Eltern ist das noch einmal eine andere Qualität. Denn wenn das eigene Kind herausforderndes Verhalten zeigt schwingt fast immer Scham mit. Das Gefühl zu versagen. Die Erschöpfung die sich über Monate aufgestaut hat.

Aber auch hier gilt: Euer Kind ist nicht schwierig. Euer Kind ist in einer schwierigen Situation. Und braucht jemanden der standhält.

Ich schaffe das auch nicht immer

Ich wäre unehrlich wenn ich so täte als ob mir dieser Perspektivwechsel immer gelingt. Es gibt Tage wo ein Kind genau auf meine wunden Punkte drückt und ich merke wie meine Ruhe bröckelt. Es gibt Situationen die mich wirklich an meine Grenzen bringen.

Aber der Unterschied ist: Ich frage mich heute als erstes nicht mehr was mit diesem Kind nicht stimmt. Ich frage mich was gerade los ist. Beim Kind. Und bei mir.

Diese Frage verändert alles. Nicht weil sie das Verhalten sofort verschwinden lässt. Sondern weil sie einen anderen Raum öffnet. Einen in dem echtes Verstehen möglich wird. Und echtes Verstehen ist immer der erste Schritt zur echten Veränderung.

Quellen

Greene, R. W. (2019): Verloren in der Schule : wie wir herausfordernden Kindern helfen können. Hogrefe Verlag

Siegel, D. J. & Bryson, T. P. (2023): Disziplin ohne Drama. Freiburg im Breisgau: Arbor.

Elvén, B. H. (2015): Herausforderndes Verhalten vermeiden. Tübingen: dgvt Verlag.

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