Eingewöhnung: Sollte der Kalender über die erste Trennung entscheiden?

Vor einiger Zeit begleitete ich die Eingewöhnung eines dreijährigen Mädchens.

Bereits vor ihrem Start in unserer Elementargruppe gab es eine besondere Vorgeschichte. Einige Zeit zuvor war versucht worden, sie in einer Krippengruppe einzugewöhnen. Diese Eingewöhnung wurde jedoch abgebrochen. Die Trennung von den Eltern gelang nicht und die Situation wurde für alle Beteiligten zunehmend belastend.

Als ihre neue Eingewöhnung bevorstand, stellte sich für mich deshalb eine wichtige Frage:

Was braucht dieses Kind, um Vertrauen aufzubauen und sich sicher zu fühlen?

Aufgrund ihrer Vorgeschichte entschied ich mich, ihre Eingewöhnung bereits eine Woche vor den anderen neuen Kindern beginnen zu lassen. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mich intensiv auf sie zu konzentrieren und eine Beziehung zu ihr aufzubauen, bevor viele weitere neue Kinder gleichzeitig starteten.

In dieser ersten Woche stand die Trennung nicht im Mittelpunkt.

Es ging darum, die Räume kennenzulernen, erste Kontakte zu knüpfen, gemeinsam zu spielen und Vertrauen entstehen zu lassen.

Nach und nach begann das Mädchen, sich für die Umgebung zu interessieren. Sie beobachtete andere Kinder, beschäftigte sich mit Materialien und nahm zunehmend Kontakt zu mir auf. Die Beziehung zu ihren Eltern blieb dabei weiterhin wichtig, doch sie begann gleichzeitig, sich auch auf mich als pädagogische Fachkraft einzulassen.

Erst als diese Grundlage vorhanden war, erfolgten die ersten Trennungen.

Nicht, weil ein bestimmter Tag erreicht war.

Sondern weil das Verhalten des Kindes zeigte, dass der nächste Schritt möglich sein könnte.

Heute ist sie ein sicherer und selbstverständlicher Teil der Gruppe.

Diese Erfahrung hat mich erneut über eine Frage nachdenken lassen:

Sollte die erste Trennung während der Eingewöhnung wirklich von einem festen Zeitplan abhängen?

Viele Eingewöhnungsmodelle bieten zeitliche Orientierung. Sie helfen Fachkräften und Eltern dabei, den Prozess zu strukturieren und geben wichtige Anhaltspunkte für die Praxis.

Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass Kinder sehr unterschiedlich auf neue Situationen reagieren.

Der Psychologe John Bowlby beschrieb, dass Kinder bei Unsicherheit die Nähe vertrauter Bezugspersonen suchen. Diese Bezugspersonen geben Sicherheit und Orientierung. Fühlen sich Kinder sicher, können sie sich leichter auf neue Erfahrungen einlassen und ihre Umgebung erkunden.

Genau das lässt sich häufig während einer Eingewöhnung beobachten.

Manche Kinder beginnen schon nach kurzer Zeit damit, den Gruppenraum zu erkunden. Sie spielen, beobachten andere Kinder und entdecken neugierig neue Materialien. Zwischendurch suchen sie Blickkontakt zu ihren Eltern oder kehren kurz zu ihnen zurück.

Andere Kinder bleiben zunächst lieber in der Nähe ihrer Bezugsperson. Sie beobachten aufmerksam, suchen Körperkontakt und benötigen mehr Zeit, bevor sie sich auf die neue Umgebung einlassen.

Beides ist völlig normal.

Deshalb erscheint mir eine andere Frage wichtiger als die Anzahl der vergangenen Tage:

Was zeigt uns das Kind gerade?

Zeigt es Interesse an seiner Umgebung?

Kann es sich für kurze Momente von seiner Bezugsperson lösen?

Nimmt es Kontakt zur pädagogischen Fachkraft auf?

Lässt es sich begleiten oder trösten?

Wirkt es grundsätzlich sicher genug, um sich auf Neues einzulassen?

Gleichzeitig sollten wir vorsichtig sein, Verhalten vorschnell zu bewerten.

Nicht jedes Kind, das zunächst wenig spielt oder lieber beobachtet, fühlt sich automatisch unsicher. Manche Kinder sind von Natur aus vorsichtiger. Sie benötigen mehr Zeit, um neue Situationen einzuschätzen. Andere Kinder stürzen sich neugierig in jede neue Erfahrung.

Auch Temperament, bisherige Erfahrungen, Interessen und die individuelle Persönlichkeit eines Kindes beeinflussen sein Verhalten.

Genau deshalb beginnt eine gelungene Eingewöhnung aus meiner Sicht nicht erst am ersten Tag in der Kita.

Die ersten Bausteine für eine erfolgreiche Eingewöhnung werden bereits im Erstgespräch gelegt. Hier haben Eltern und pädagogische Fachkräfte die Möglichkeit, sich kennenzulernen und gemeinsam auf das Kind zu schauen.

Wie reagiert das Kind auf neue Situationen? Braucht es Zeit, um Vertrauen aufzubauen, oder geht es offen auf andere Menschen zu? Welche Interessen hat es? Welche Erfahrungen mit Trennungen hat es bisher gemacht? Und was hilft ihm, wenn es verunsichert oder überfordert ist?

Die Antworten auf diese Fragen können dabei helfen, die Eingewöhnung individueller zu gestalten und das Verhalten des Kindes besser zu verstehen.

Gleichzeitig signalisiert ein solches Gespräch den Eltern, dass ihre Erfahrungen und ihr Wissen über das eigene Kind wertvoll sind und in die pädagogische Arbeit einfließen. Dadurch kann bereits vor dem ersten Betreuungstag Vertrauen entstehen – eine wichtige Grundlage für die spätere Zusammenarbeit.

Vielleicht beginnt Eingewöhnung deshalb nicht mit dem Betreten der Einrichtung, sondern bereits mit dem ersten Gespräch zwischen Familie und pädagogischer Fachkraft.

Deshalb sehe ich Eingewöhnungsmodelle als wertvolle Orientierungshilfe, nicht jedoch als starre Vorgabe.

Modelle können uns unterstützen.

Die wichtigste Orientierung bleibt jedoch das Kind selbst.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage während einer Eingewöhnung deshalb nicht:

„Welcher Tag ist heute?“

Sondern:

„Was zeigt mir dieses Kind gerade und was braucht es, um sich sicher zu fühlen?“

Denn am Ende geht es nicht darum, einen Zeitplan einzuhalten.

Es geht darum, einem Kind den bestmöglichen Start in eine neue Lebenswelt zu ermöglichen.

Kinder entwickeln sich nicht nach Kalendern. Sie entwickeln sich in Beziehungen.

Quellen:

Bowlby, J. (2008): Bindung als sichere Basis. München: Ernst Reinhardt Verlag

Keller, H. (2019): Mythos Bindungstheorie. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Hinterlasse einen Kommentar